Die Stiftung Warentest veröffentlichte am 26.02.20 nach Ihrem letzten Test vor 9 Jahren mal wieder einen umfangreichen Test 🏆 bei dem insgesamt 27 aktuell im Discount erhältliche italienische Essige getestet wurden. 19 der getesteten Produkte werden unter der Bezeichnung Aceto Balsamico di Modena vertrieben und 8 Produkte sind als Condimento Bianco bzw. weiße Balsamico Essige im Discounter-Handel erhältlich.

Es folgt ein kritischer Review des Tests aus der Perspektive eines Balsamico-Fachhändlers:

Wer hat getestet?

5 Personen (geschultes Personal lt. Stiftung Warentest) testeten dabei die sensorischen Eigenschaften (Aussehen, Geruch, Geschmack, Mund­gefühl und Nachgeschmack der Essige) – allein dieser Bereich hatte eine Gewichtung von 45% und ist demnach für das Testurteil von größerer Bedeutung. Wer die Größe der Tester-Gruppen und Verkostungsjurys von den typischen Palio-Wettbewerben in Modena & Reggio Emilia kennen sollte, fängt bereits an dieser Stelle an zu schmunzeln. In Italien gibt es regelmäßige Kurse, welche zu einer Zertifizierung als geprüfter Balsamico Verkoster führen – diese Kurse haben das Ziel die sensorischen Eigenschaften so standardisiert zu erfassen, dass diese Eigenschaften vergleichbar werden. Denn an den typischen jährlichen Wettbewerben nehmen meist mehr als 1000 verschiedene Essigproduzenten mit Ihren Produktproben teil um am Ende einen Gewinner zu küren. Nicht nur 27 🙂

Wie und Was wurde getestet bzw. nicht getestet?

Im aktuellen Test der Stiftung Warentest wurde das deutsche normierte Prüfverfahren BVL L 00.90-22 angewandt. Damit testet man bei Stiftung Warentest zum Beispiel aus Sojasaucen, Vanilleeis, Kartoffelklöße und Frikadellen. Es ist demnach nur eine Vorgehensweise zum Testen von Lebensmitteln – kein sensorischer Fachtest nach den typischen Kriterien für einen Balsamico, wie es seit Jahrzehnten von den Konsortien durchgeführt wird. Dadurch, dass diese eigentlichen relevanten Bewertungskriterien fehlten ist es nicht transparent für den Leser nachvollziehbar ob nicht vielleicht die Farbe des Produktes mehr Gewichtung als der Geruch oder Geschmack bekommen hat.

Die Stärke der Stiftung Warentest Tests sind die chemischen Laboranalysen – diese sind meist sehr kostspielig – viele der Tests lassen sich mit einem traditionellen oder sagen wir sehr hochwertigen, Traubenmost-intensiven Balsamico nicht durchführen, da diese Testverfahren eine gewisse „Wässrigkeit“ voraussetzen. Auch bei dem aktuellen Test räumt die Stiftung Warentest ein, dass zwei Produkte aufgrund ihrer erhöhten Dichte (was in dem Fall ein echtes Qualitätsmerkmal ist) nicht dazu geeignet waren die Essigsäure zu extrahieren. Balsamico Test 2020Dazu muss man anmerken, dass keines der getesteten Produkte meiner Kenntnis nach eine Dichte über 1,20 erreicht. Erst ab einer Dichte von 1,32 wird ein Balsamico sirupartig. Das heißt, dass in diesem Test nur die wässrigen Aceti Balsamici getestet wurden, deren Traubmostanteil in der Regel weit unter 80% liegt. Wer jemals einen Tradizionale oder einen 100%igen Traubenmost-Balsamico kosten durfte – wird den Unterschied nie wieder vergessen. Der Versuch ein Produkt wie einen IGP Balsamico mit einem unregulierten Condimento zu vergleichen ist wie der Vergleich von Äpfeln und Birnen – auf diesen Spagat hätte man verzichten sollen, da diese beiden Kategorien nur wenig Gemeinsamkeiten aufweisen, außer dem Inverkehrbringer und vielleicht dem Grundstoff „Traube“.

Immerhin konnte keinem Testkandidaten chemisch eine Panscherei der Grundstoffe nachgewiesen werden. Alle Essige stammen aus der Trauben. Gut man hätte ggf. unter Laborverhältnissen deren Herkunft oder Rebsorte bestimmen können – dass wäre eine Nummer – denn die Panscherei, welche aktuell ein großes Thema bei den Behörden in Italien ist – besteht im Zukauf billiger Tafeltrauben aus Süditalien oder dem Ausland, welche in den IGP und natürlich auch den DOP Regularien nicht zulässig sind. Man versucht durch billige Rohstoffe – 2011 waren es angeblich Zuckerrüben – dem Preisdruck gerecht zu werden. Schließlich will der Konsument für 0,50 Cent / Liter etwas für den Salat kippen – was wie Balsamico aussieht und dabei so ähnlich schmeckt.

giuseppe giusti aceto balsamico silverDie Preise, welche durch die Stiftung Warentest im Handel gezahlt wurden sollte man bei diesem Test auch in Frage stellen. Die Tests dieser Art verfolgen meist auch ein „Verkaufsziel“ des Artikels, dass merkt man nicht nur an der Art der Optimierung des „Contents“, sondern auch an der Auswahl der Produkte – man möchte teure Essige und billige Essige gegenüberstellen – gewinnt dann nur einer der billigen Essige, ist die Überschrift „Discounter Balsamico hält mit teuren Balsamico locker mit“ oder so ähnlich – dass ist eine Sensation und Sensation verkauft sich besser als langweile Tests. Doch dieses Bild von teuer v.s. billig bekommt man nur hin, wenn man ein paar billige teuer gemacht werden. Nehmen wir mal den Giuseppe Giusti Silver von Oil & Vinegar – der mittlere Ladenpreis liegt bei 30 EUR / 250 ml. Wow – 30 EUR / 250 ml – das ist teuer für einen IGP Balsamico! Aber was ist denn eigentlich ein Giusti Silver genau? Zunächst haben wir ein Private-Label-Produkt vor uns – d.h. die Oil & Vinegar, ein Franchise Unternehmen vergleichbar wie z.B. vomFass,  kaufen bei Giusti in Modena Balsamico ein und drucken ihr eigens Etikett drauf. Als Fachhändler vertreiben wir auch Essige der Firma Gran Deposito Aceto Balsamico Giuseppe Giusti aus Modena und wissen daher, dass diese im Bereich IGP genau fünf Produkt-Linien anbieten – „Medaglia d‘ Argento“ – Silber (1 Medaille), „Classico Giusti“ – Gold (2 Medaillen), Il DensoRicardo Giusti“ – Gold (3 Medaillen), „Quarto Centenario“ – Gold (4 Medaillen) und „Banda Rossa“ – Gold (5 Medaillen).

Diese Produktlinien werden hauptsächlich in vier Flaschen-Formen vertrieben. Eine davon ist die Form „Cube“ wie man Sie in der Abbildung links sieht. Eine andere Flaschenform jedoch mit dem gleichen Inhalt sieht man unter dem Absatz. Die Silber-Linie ist die „günstigste“ – weil Sie die geringsten positiven Eigenschaften innerhalb der Serie vorweisen kann. Der mittlere Preis hierfür liegt gerade mal bei nur ca. 10 EUR für 250ml. Also einem Drittel unter dem Silver Private Label von Oil & Vinegar. Es ist schade, dass man sich hier für die wesentlich teurere Private-Label-Variante im Test entschieden hat und nicht für die Original-Ware von Giuseppe Giusti. Mit dieser Auswahl erweckt es den Eindruck, Giusti wäre mit dem Aceto Balsamico di Modena IGP Silver von Oil & Vinegar der teuerste unter den getesteten Balsamici in diesem 2020 Test. Dabei liegt er im realen Vergleich des originalen Silber-Medailen-Serie unter dem Preis des Testsiegers Cremonini.

Ohne dieses schlechte Preis / Leistungsverhältnis wäre wohl Giusti als Testsieger hervorgegangen.

Warum es zu dieser Auswahl kam und wie die Auswahl der Produkte generell zu Stande kommt, bleibt mir ein Geheimnis der Stiftung-Warentest-Redaktion. Vielleicht lag es an der vertieften Vorrecherche und der Besonnenheit auf den unter dem Title „Der große Bluff“ erschienenen Testbericht – bei dem es wie man selbst heute noch schreibt, dass es damals zu Missmut und Unverständnis kam, denn damals wurde der sehr hochwertige „Banda Rossa“ von Giusti erstaunlicher Weise nur mit der Note „mangelhaft“ ausgezeichnet.

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Bild der fünf IGP Produktlinien von Giuseppe Giusti – Quelle Produktkatalog

Leider ist man bei diesem Test nicht weiter in die Tiefe dieser Thematik eingestiegen – ggf. sind auch die Tests zu aufwendig. Dennoch ist das Testergebnis ein Fortschritt für die getesteten Produkte der Essigproduzenten. Auch sollte man herausstellen, dass keiner der Testprodukte mit arg hohen Schadstoffen (Blei, Quecksilber, Arsen etc) belastet war – auch hier eine Steigerung im Vergleich zu 2011.

Essigproduzent – das Stichwort ist auch gut – denn so viele große Produzenten gibt es gar nicht in der Region, die in der Lage sind den deutschen Discounter-Markt mit den benötigen Mengen zu beliefern. Ponti, Fini, Acetum (Mazzetti), AcetoModena, Toschi und De Nigris sind dabei die größten im Discount-Markt-Segment und nehmen aufgrund Ihrer Produktionskapazitäten gut 80% meiner Kenntnis nach ein. Zum Teil arbeiten diese Produzenten mit Private-Labels, Zweit und Drittmarken. Gerade die Discounter-Labels wie Ja!, Gut und Günstig die Aldi und Lidl-Marken – stammen oft aus einem dieser Abfüllanlagen. Hier wäre es schön gewesen zu recherchieren, ob es bei den 27 getesteten Produkten nicht Deckungsgleichheit in den Abfüllanlagen gegeben hat. Die Chance, dass man zwei Balsamici aus ein und derselben Produktion mit zwei unterschiedlichen Labels testet ist bei der geringen Anzahl an Produzenten für diesen Massenmarkt nicht unwahrscheinlich.

20% für Verpackung und Deklaration

Ja, das ist bei den Test der Stiftung Warentest so – und war bereits 2011 so – die Packung und das Etikett fließen zu 20% mit in die Bewertung ein. Meiner Meinung nach sind diese Punkte unnötig – bei den Aceti Balsamici Tradizionali di Modena und Reggio Emilia kommen alle Marken in der gleichen Flasche und der gleichen Form. Unter Kennern kommen die Flaschen auch immer in der originalen Konsortium-Box die schaut immer gleich aus – denn es geht schließlich um den Inhalt. Dabei sind die Italiener wahre Künstler, wenn es um schöne Labels und schicke Verpackungen geht – aber diese lenken in der Regel nur vom Produkt und dessen Eigenschaften ab. Nebelkerzen. Auch die Deklaration ist bei einem echten Balsamico nicht wirklich spannend. 100% gekochter Traubenmost und der Hinweis auf natürliche Sulfite aus der Traubenschale. Sonst nichts. Bei billigem Balsamico oder IGP Balsamico ist das natürlich schwieriger aber theoretisch – sollte auch hier die Zutatenliste nur gekochten Traubenmost und Weinessig beinhalten – ist es mehr, würde ich den Essig stehen lassen – auch wenn die Vorschriften offiziell mehr zulassen.

WDR setzt TV Beitrag in der Sendung „Servicezeit“ zum Test um

Pünktlich zur Veröffentlichung der neuen Balsamico Test Ergebnisse, sendete gestern der WDR in seiner Sendung Servicezeit eine redaktionelle Zusammenfassung des aktuellen Tests der Stiftung Warentest. Nicole Merbach von der Stiftung Warentest präsentiert dabei die Testergebnisse. Tipp: Bevor man sich die Testergebnisse kauft – sollte man sich diesen Beitrag anschauen:

Link zum Video WDR Balsamico Test der Stiftung Warentest
Quelle: Video der WDR Servicezeit zum aktuellen 2020 Test der Stiftung Warentest

Alternativ können Sie sich auch das Interview auf Bayern Plus mit Nicole Merbach aus Berlin anhören: Worauf kommt es bei Balsamico an?

Fazit

Der Test ist für jemanden der sich wirklich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzt zu vordergründig und zu in-transparent. Für einen Durchschnittsverbraucher führt der Test dazu, dass dieser sich den Testsieger oder Zweit- und Drittplatzierten kauft und anschließend bemerkt, dass er immer noch ein Discount-Balsamico in den Händen hält – die kleinen Sidekicks in Richtung Tradizionale – welcher lt. Stiftung Warentest keinerlei Marktbedeutung hat – und deswegen im Test nicht vertreten ist – sind positiv zu bewerten, allerdings hätte ich mir im Text noch etwas mehr gewünscht, dass man auf die Unterschiede in der Reifezeit und die Produktionsverfahren eingegangen wäre, um so den Unterschied zu einem echten traditionellen Balsamico herauszuarbeiten. Im WDR TV Beitrag zum Test, wird dem Aceto Balsamico Tradizionale di Modena DOP durch den Einspieler mit Mario Gambigliani Zoccoli, Präsident des alten Konsortiums für traditionellen Aceto Balsamico in Modena (im TV Beitrag nur als „Produzent“ bezeichnet), wesentlich mehr Raum gelassen, als im Testartikel und das bei der fehlenden Marktbedeutung! Danke dafür!

Alles in allem ist der Test auch seine 2,50 EUR wert und liefert aufschlussreiche Details aus der Welt der italienischen Essige.