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Klassische Caprese mit Tomatenscheiben, Büffelmozzarella, Basilikum und Olivenöl auf einem Teller
©Midjourney: Dieses Bild wurde mit Hilfe einer KI erstellt.

Tomate-Mozzarella ist das am meisten unterschätzte Gericht Italiens. Und gleichzeitig das, bei dem wir hier im Norden am gründlichsten danebenliegen. Drei Zutaten, keine Hitze, keine Technik – man kann eigentlich nichts falsch machen, oder? Doch, man kann. Ich habe jahrelang nichts anderes getan.

Bei mir sah das so aus: Tomaten aus dem Kühlschrank, eine Kugel Mozzarella aus der Plastikpackung, kurz abgetropft, alles in Scheiben, Basilikum drauf, ein bisschen Öl, fertig. Schmeckte okay. Und wenn ich dann beim Italiener denselben Teller bestellt habe, war ich jedes Mal ein bisschen ratlos: Warum schmeckt das dort so viel besser? Es sind doch dieselben drei Sachen.

Die Antwort habe ich mir über Jahre zusammengesammelt – auf Reisen nach Kampanien und Apulien, in Gesprächen mit Käsern und Wirten, und ehrlich gesagt auch über einige ziemlich belehrende Momente an italienischen Tischen. Sie hat nichts mit einem Geheimrezept zu tun. Sie hat mit Temperatur zu tun, mit Reife, mit Timing und mit einer Portion Respekt vor dem, was man da eigentlich vor sich hat. Hier kommt alles, was ich gelernt habe.

Der Klassiker heißt Caprese – und er ist jünger, als du denkst

Was wir hier Tomate-Mozzarella nennen, heißt in Italien insalata caprese: der Salat von Capri. Grün, weiß, rot – die Farben der italienischen Flagge auf einem Teller. Das ist kein Zufall, sondern der Kern der ganzen Geschichte.

Über die Entstehung gibt es zwei Erzählungen, und ich mag beide, obwohl sich beide nicht wirklich beweisen lassen. Die eine spielt in den 1920er-Jahren im Grand Hotel Quisisana auf Capri: Dort soll das Gericht als Verbeugung vor den Ideen des Futuristen Filippo Tommaso Marinetti auf die Karte gekommen sein, der die schwere italienische Pasta ablehnte und leichte, sättigungsfreie Küche forderte. Die andere Erzählung ist bodenständiger und spielt nach dem Zweiten Weltkrieg: Ein Maurer auf Capri soll sich in der Mittagspause aus Patriotismus ein Brot in den Landesfarben belegt haben – Tomate, Mozzarella, Basilikum. Und dann gibt es noch die schöne Episode um König Faruk von Ägypten, der 1951 auf Capri eine Caprese gegessen und sich davon regelrecht begeistert gezeigt haben soll. Der italienische Gastronomiejournalist Luciano Pignataro hat diese Stränge in seinem Beitrag zur Geschichte der Caprese (auf Italienisch) zusammengetragen.

Was man daraus mitnehmen sollte: Dieses Gericht ist keine jahrhundertealte Bauerntradition, sondern eine Erfindung des 20. Jahrhunderts. In den großen alten Kochbüchern taucht es noch nicht auf. Pellegrino Artusi, dessen La scienza in cucina e l’arte di mangiar bene von 1891 bis heute als Gründungswerk der italienischen Hausmannskost gilt, kennt die Caprese nicht – die Tomate dagegen kennt er sehr gut. In seinem Rezept Nummer 125 für die Tomatensauce (auf Italienisch) erzählt er die Anekdote von einem Priester in der Romagna, der sich überall einmischte und den die Leute deshalb spöttisch „Don Pomodoro“ nannten – weil die Tomate eben auch überall hineingerät.

Mir gefällt dieser Gedanke, weil er den Anspruch geraderückt. Die Caprese ist kein Museumsstück, das man exakt nachzustellen hätte. Sie ist ein junges, pragmatisches Gericht. Aber sie hat sehr wohl eine Idee, und die lautet: Drei erstklassige Dinge, die man in Ruhe lässt.

Die Tomate entscheidet – nicht die Mozzarella

Das ist meine unpopulärste Meinung zu diesem Thema, und ich vertrete sie trotzdem mit voller Überzeugung: Über Erfolg oder Misserfolg entscheidet nicht der Käse, sondern die Tomate. Eine mittelmäßige Mozzarella neben einer hervorragenden Tomate ergibt einen guten Teller. Eine hervorragende Mozzarella neben einer wässrigen, blassen Tomate ergibt gar nichts.

Die klassische Wahl in Italien ist die Ochsenherztomate, cuore di bue: groß, fleischig, gerippt, mit wenig Kernen und viel Aroma. Pignataro nennt in seinem Text genau diese Kombination als Idealbesetzung – knackige Ochsenherztomate, Büffelmozzarella, Basilikum, Oregano und ein Faden Olivenöl. Ebenso gut funktionieren reife Fleischtomaten, alte Sorten oder eine sonnengereifte Strauchtomate im Hochsommer.

Was dagegen nicht funktioniert, ist die Sauce-Tomate. Die San Marzano ist eine wunderbare Tomate – aber sie ist zum Einkochen gezüchtet, nicht für den rohen Teller. Sie hat feste Wände, wenig Saft und wenig Süße, und roh geschnitten schmeckt sie flach. Wer eine Caprese mit San Marzano macht, hat nichts falsch gemacht im moralischen Sinne, aber er verschenkt das Gericht.

Und dann der Punkt, an dem hierzulande fast alles kippt: Tomaten gehören nicht in den Kühlschrank. Unter etwa zwölf Grad bauen sie die Aromastoffe ab, die sie überhaupt nach Tomate schmecken lassen, und das kommt auch nicht zurück, wenn man sie später wieder hinstellt. Eine Tomate, die drei Tage im Kühlschrank lag, ist rot und fest und schmeckt nach nichts. Genau diese Tomate liegt bei uns in den meisten Capreses. Wenn du von diesem ganzen Artikel nur eine Sache mitnimmst, dann diese.

Mozzarella: Warum die Italiener sie nie eiskalt essen

Aufgeschnittene Burrata mit auslaufender Sahnefüllung neben reifen Tomatenspalten
©Midjourney: Dieses Bild wurde mit Hilfe einer KI erstellt.

Hier wird es konkret, denn hier gibt es keine Meinungen, sondern eine offizielle Ansage. Das Consorzio di Tutela della Mozzarella di Bufala Campana DOP, also der Schutzverband der Büffelmozzarella-Erzeuger, veröffentlicht regelmäßig ein Sommer-Vademecum mit den Fehlern, die man vermeiden soll (auf Italienisch). Vier Punkte stehen dort im Zentrum, und drei davon macht bei uns praktisch jeder falsch.

Erstens die Temperatur. Die ideale Serviertemperatur liegt laut Verband bei etwa 18 bis 20 Grad. Nicht kalt. Zimmerwarm. Kalter Käse ist tauber Käse: Das Fett bleibt fest, die Milchsäure kommt nicht durch, die feine Süße verschwindet. Wer seine Mozzarella direkt aus dem Kühlschrank aufschneidet, schmeckt buchstäblich die Hälfte nicht.

Zweitens die Aufbewahrung. Mozzarella gehört in ihre eigene Flüssigkeit, das liquido di governo – jene trübe, leicht salzige Molke in der Packung, die viele als erstes wegschütten. Genau die hält den Käse feucht und geschmacklich intakt. Und wenn du sie am selben Tag isst, muss sie streng genommen gar nicht in den Kühlschrank. Muss sie doch kühl stehen, weil du sie erst in zwei Tagen brauchst, dann gilt die Regel des Verbands: mindestens eine Stunde vorher herausnehmen. Wenn es schnell gehen soll, kannst du die ungeöffnete Packung auch etwa fünf Minuten in 35 bis 40 Grad warmes Wasser legen.

Drittens: nicht zu Tode würzen. Das Consorzio rät ausdrücklich davon ab, die Mozzarella stark zu würzen – Gewürze überdecken genau die Aromen, für die man den Käse gekauft hat. „Gustandola al naturale“, im natürlichen Zustand genießen, lautet die Empfehlung. Dazu gleich mehr, denn das betrifft auch eine Frage, die man ausgerechnet von uns nicht erwarten würde.

Und viertens weist der Verband auf die Verwechslung mit Kuhmilch-Mozzarella hin. Beides ist Mozzarella, aber es sind zwei verschiedene Dinge: Der Büffelmozzarella aus Kampanien ist saftiger, säuerlicher, deutlich intensiver; der Fior di Latte aus Kuhmilch ist milder, fester, zurückhaltender. Ich nehme Büffelmozzarella, wenn er der Star sein soll, und Fior di Latte, wenn viele andere Zutaten mitspielen. Beides ist legitim – man sollte nur wissen, was man kauft.

Burrata oder Mozzarella – wann ich was nehme

Die Burrata ist in den letzten Jahren auf jeder zweiten Karte gelandet, und ich verstehe warum: Sie ist ein kleines Schauspiel. Von außen sieht sie aus wie eine etwas zu prall geratene Mozzarella, aber innen steckt eine Füllung aus Käsefäden und Sahne, die beim Aufschneiden ausläuft. Der Name kommt von burro, Butter, und das trifft es gut.

Ihre Heimat ist nicht Kampanien, sondern Apulien, genauer die Gegend um Andria. Die Burrata di Andria trägt seit einigen Jahren das europäische IGP-Siegel und wird von einem eigenen Schutzkonsortium betreut. Wichtig zu wissen, gerade wenn man im Laden steht: Geschützt ist ausschließlich die Burrata aus Andria beziehungsweise aus apulischer Kuhmilch nach dem Lastenheft. Der Begriff „Burrata“ für sich genommen ist eine allgemeine Gattungsbezeichnung – darum darf auch Burrata aus anderen Regionen so heißen. Wer das Original will, muss auf die Herkunftsangabe und das Siegel schauen, nicht auf das Wort.

Meine ganz persönliche Regel: Mozzarella, wenn die Tomate im Mittelpunkt steht. Burrata, wenn es üppig werden soll. Die klassische Caprese mit ihren abwechselnden Scheiben lebt vom Wechselspiel fest und saftig – das kann Burrata nicht, weil sie zerläuft. Umgekehrt ist eine ganze Burrata, in der Mitte geöffnet, mit Tomatenspalten drumherum, gutem Öl und Salz, einer der schönsten Sommerteller überhaupt. Das ist dann nur eben keine Caprese mehr, sondern etwas Eigenes. Beides gut, aber man sollte es nicht durcheinanderbringen.

Öl, Salz, Basilikum – und die ehrliche Sache mit dem Balsamico

Jetzt der Teil, bei dem ich als Balsamico-Händler eigentlich etwas anderes schreiben müsste, als ich schreibe.

Die klassische Caprese bekommt in Italien keinen Essig. Punkt. Sie bekommt gutes natives Olivenöl, Salz, Basilikum und, je nach Landstrich, etwas Oregano. Mehr nicht. Pignataro formuliert es in seinem Text ziemlich unmissverständlich: Es gibt nur eine Caprese – Tomate, Mozzarella, feine Kräuter, vorzugsweise Basilikum und Oregano. Der Rest sei, um es höflich zu übersetzen, Geschwätz. Und das Consorzio rät, wie oben erwähnt, ohnehin von starkem Würzen ab.

Wenn also jemand mit der dunklen Flasche über einer echten Büffelmozzarella schwebt, dann sage ich: lass es. Ein spitzer, saurer Industrieessig macht diesen Käse kaputt. Er übertönt die feine Milchsäure, und was bleibt, ist Säure auf Säure.

Und jetzt die Differenzierung, die mir wichtig ist, weil sie keine Verkaufsmasche ist, sondern ein handwerklicher Unterschied. Ein alter, im Fass gereifter Aceto Balsamico Tradizionale hat mit diesem Essig ungefähr so viel zu tun wie ein Portwein mit Traubensaft. Er ist dickflüssig, fast sirupartig, dunkel, und er schmeckt in erster Linie nicht sauer, sondern nach Feige, Dörrfrucht, Karamell und Holz. So ein Tropfen ist kein Dressing, sondern ein Gewürz.

Mein ehrlicher Rat, wie ich es selbst halte: Bei einer echten Caprese mit gutem Büffelmozzarella lasse ich ihn weg. Da wäre er ein Gast zu viel. Bei einer Burrata dagegen – die ist süßer, sahniger, runder – setze ich zwei, drei Tropfen an den Tellerrand, auf die Tomate, nicht auf den Käse. Und ebenso, wenn die Tomaten nicht ganz auf der Höhe sind, was von Oktober bis Mai schlicht der Normalfall ist: Dann holt ein guter Tropfen genau die Süße und Tiefe zurück, die der Tomate fehlt. Das ist der eine Fall, in dem er nicht stört, sondern rettet.

Was auf keinen Fall passieren sollte, ist dieses dunkle Muster, das in vielen Restaurants über den Teller gemalt wird. Diese dicken Cremes sind meist mit Verdickungsmitteln und Zucker eingestellt und haben mit einem gereiften Balsamico wenig gemein. Sie sehen auf Fotos gut aus, und mehr auch nicht.

Zu Hause: So mache ich Tomate-Mozzarella

Zu Hause ist der Teller in fünf Minuten fertig – wenn man eine halbe Stunde vorher an ihn gedacht hat. Genau das ist die ganze Kunst. So gehe ich vor:

  1. Eine Stunde vorher nehme ich Mozzarella und Tomaten aus dem Kühlschrank – die Mozzarella in ihrer Flüssigkeit, ungeöffnet. Die Tomaten lagern bei mir ohnehin draußen in einer Schale.
  2. Die Tomaten schneide ich mit einem wirklich scharfen Messer in etwa fünf Millimeter dicke Scheiben. Ein stumpfes Messer quetscht sie, der Saft läuft aufs Brett statt in den Teller.
  3. Jetzt wird gesalzen – und zwar nur die Tomate, und zwar sofort. Das Salz zieht ein wenig Saft, der sich später mit dem Öl zu einer eigenen kleinen Sauce verbindet. Den Käse salze ich nicht, der ist bereits gesalzen.
  4. Die Mozzarella reiße ich lieber, als sie zu schneiden. Gerissene Ränder nehmen Öl und Tomatensaft besser auf als glatte Schnittflächen. Bei einer klassischen Caprese darf man natürlich schneiden – das Wechselspiel der Scheiben ist ja das Bild des Gerichts.
  5. Basilikum wird gezupft, nicht gehackt. An der Schnittkante oxidiert das Blatt, wird dunkel und bitter. Ganze Blätter, mit den Fingern gelöst.
  6. Zum Schluss das Öl, großzügig, und erst kurz vor dem Servieren. Ein fruchtiges, kräftiges natives Olivenöl. Wenn der Teller ein paar Minuten steht, umso besser – aber er sollte nicht warten, bis alle am Tisch sitzen.

Und dann das Wichtigste, das in keinem Rezept steht: Am Ende bleibt auf dem Teller eine Pfütze aus Öl, Tomatensaft und Molke. Die ist nicht Abfall, sondern das Beste am ganzen Gericht. Dafür gibt es in Italien ein eigenes Wort – fare la scarpetta, mit einem Stück Brot auswischen. Wer das nicht macht, hat den halben Teller stehen lassen.

Im Supermarkt: Worauf ich beim Einkauf achte

Reife Ochsenherz- und Strauchtomaten in Holzkisten an einem italienischen Marktstand
©Midjourney: Dieses Bild wurde mit Hilfe einer KI erstellt.

Seien wir realistisch: Die meisten von uns kaufen unter der Woche im Supermarkt, nicht auf dem Bauernmarkt in Neapel. Das geht auch, man muss nur wissen, wo man hinschaut.

Bei den Tomaten gehe ich zuerst an der Optik vorbei und rieche am Stielansatz. Riecht es dort grün und krautig nach Tomatenpflanze, ist die Frucht in Ordnung. Riecht es nach nichts, schmeckt sie auch nach nichts – egal, wie leuchtend rot sie ist. Dann drücke ich vorsichtig: Sie soll leicht nachgeben, nicht steinhart sein. Und ich kaufe im Sommer bewusst die Sorten mit Fehlern – unregelmäßig geformt, gerippt, teils grünlich an der Schulter. Die makellos runden, kalibrierten Exemplare sind auf Transportfestigkeit gezüchtet, nicht auf Geschmack. Am wichtigsten: Steht die Kiste im Kühlregal, lass sie stehen. Was einmal durchgekühlt wurde, wird nicht mehr gut.

Beim Mozzarella drehe ich die Packung um und schaue auf zwei Dinge: Steht dort tatsächlich Büffelmilch oder nur Kuhmilch? Und ist ein geschütztes Herkunftssiegel drauf oder nur ein italienisch klingender Name? Beides ist eine bewusste Entscheidung, keine ist falsch – nur sollte man sie treffen und nicht raten. Und ich achte auf den Flüssigkeitsstand: Die Kugel soll vollständig in ihrer Molke schwimmen. Halbleere Packungen lasse ich liegen.

Beim Olivenöl nehme ich für den rohen Teller kein Öl aus dem untersten Preissegment. Für die Caprese ist das Öl kein Hilfsmittel, sondern eine der Hauptzutaten – man schmeckt jeden Cent.

Und beim Balsamico muss ich ehrlich sein: Den wirklich guten wirst du dort nicht finden. Im Supermarkt steht überwiegend der junge, dünne, spitze Essig. Für ein schnelles Salatdressing ist das völlig in Ordnung, aber ein gereifter, dickflüssiger Balsamico und erst recht ein echter Aceto Balsamico Tradizionale aus Modena oder Reggio Emilia liegt dort nicht im Regal. Der kommt aus dem Fachgeschäft, vom Spezialisten oder direkt online. Das muss übrigens kein Vermögen sein, denn von so einem Tropfen brauchst du pro Teller wirklich nur zwei oder drei.

Beim Italiener: Warum es dort einfach besser schmeckt

Kellner serviert einen Teller Caprese an einem Tisch in einem italienischen Restaurant
©Midjourney: Dieses Bild wurde mit Hilfe einer KI erstellt.

Kommen wir zu der Frage vom Anfang zurück: Warum schmeckt derselbe Teller beim Italiener um die Ecke besser als bei mir zu Hause? Ich habe lange gedacht, da sei irgendein Trick im Spiel. Ist da nicht. Es sind vier ganz unspektakuläre Dinge.

Der Durchsatz. Eine gute Trattoria verkauft im Sommer jeden Tag ein paar Dutzend Capreses. Der Mozzarella liegt also nie lange herum, er wird ständig nachgeliefert. Bei mir zu Hause liegt die Packung im Zweifel seit Sonntag im Kühlschrank.

Die Temperatur. In der Restaurantküche steht der Käse in der Regel nicht im kältesten Fach, sondern griffbereit im gemäßigten Bereich, und die Tomaten liegen sowieso draußen. Was auf den Teller kommt, hat ungefähr die Temperatur, die der Schutzverband empfiehlt – ohne dass irgendjemand groß darüber nachdenkt.

Das Öl. Restaurants kaufen Olivenöl im Kanister und in einer Qualität, die sich zu Hause kaum jemand hinstellt, weil man daheim für die Flasche mehr bezahlt und sie langsamer leert. Und sie gehen damit deutlich großzügiger um, als wir es tun.

Das Salz und der Moment. Der Teller wird angerichtet und geht sofort raus. Er steht nicht zehn Minuten auf der Arbeitsplatte, während man noch schnell den Tisch deckt.

Deshalb finde ich „beim Italiener“ auch die ehrlichste Messlatte, die man haben kann: Es ist kein unerreichbares Sterneniveau, sondern schlicht ein Gericht, das ohne Umwege auf den Tisch kommt. Genau das kann man zu Hause nachbauen.

Was mir umgekehrt auf Restaurantkarten die Laune verdirbt: die Caprese im Januar. Ein Gericht, das zu hundert Prozent von der Tomate lebt, im tiefsten Winter anzubieten, ist im Grunde ein Versprechen, das die Küche nicht halten kann. Ich bestelle sie zwischen Juni und September und sonst so gut wie nie – und wenn doch, dann eben die Burrata, weil da der Käse die Hauptrolle spielt und die Tomate nur Begleitung ist. Das ist übrigens auch ein ganz guter Test für ein Lokal: Wenn im Februar Caprese auf der Karte steht und der Kellner sie einem ohne Zögern empfiehlt, weiß man schon einiges.

Die fünf häufigsten Fehler

  • Alles eiskalt aus dem Kühlschrank. Der mit Abstand größte Fehler. Tomate und Mozzarella brauchen Zimmertemperatur, sonst schmeckt beides nach der Hälfte.
  • Die Molke weggekippt. Sie schützt den Käse. Erst öffnen, wenn der Teller wirklich gemacht wird.
  • Zu früh angerichtet. Eine Caprese, die zwanzig Minuten wartet, wird wässrig. Sie ist ein Gericht für den Moment, kein Buffetsalat.
  • Basilikum gehackt. Zupfen. Immer. Geschnittenes Basilikum wird dunkel und bitter.
  • Zu viel obendrauf. Pfeffer, Knoblauch, Zwiebeln, Rucola, Pinienkerne, dazu eine dicke dunkle Creme – und von den drei Zutaten, um die es eigentlich geht, ist nichts mehr übrig.

Das Rezept auf einen Blick

Zutaten für 2 Personen als Vorspeise:

  • 2 große, sehr reife Fleisch- oder Ochsenherztomaten
  • 250 g Büffelmozzarella oder Fior di Latte, zimmerwarm
  • 1 Handvoll frisches Basilikum
  • 3 EL kräftiges natives Olivenöl extra
  • grobes Meersalz
  • nach Belieben etwas getrockneter Oregano
  • optional: 2–3 Tropfen gereifter Aceto Balsamico Tradizionale, nur auf die Tomate

Zubereitung:

  1. Mozzarella und Tomaten eine Stunde vor dem Essen aus dem Kühlschrank nehmen; der Käse bleibt bis zuletzt in seiner Molke.
  2. Tomaten mit einem scharfen Messer in etwa 5 mm dicke Scheiben schneiden und sofort salzen.
  3. Mozzarella abtropfen lassen und in Scheiben schneiden oder grob zupfen.
  4. Tomate und Mozzarella abwechselnd auf einem flachen Teller auslegen.
  5. Basilikumblätter von Hand zupfen und darüber verteilen, nach Wunsch mit Oregano bestreuen.
  6. Großzügig mit Olivenöl beträufeln, nach Belieben 2–3 Tropfen gereiften Balsamico auf die Tomaten geben und sofort servieren. Brot nicht vergessen.

Häufige Fragen

Gehört Balsamico an eine echte Caprese?
Traditionell nein. Die klassische Caprese kennt Öl, Salz, Basilikum und manchmal Oregano – keinen Essig. Ein gereifter Aceto Balsamico Tradizionale ist allerdings etwas anderes als ein junger, spitzer Essig: dickflüssig, süßlich, mild. Zwei, drei Tropfen auf die Tomate passen gut zu Burrata und retten außerhalb der Saison eine mittelmäßige Tomate. Auf einen guten Büffelmozzarella gehört er nicht.

Büffelmozzarella oder Kuhmilch-Mozzarella?
Büffelmozzarella ist saftiger, säuerlicher und intensiver, Fior di Latte aus Kuhmilch milder und fester. Wenn der Käse der Star sein soll, nimm Büffel. Wenn viele andere Zutaten mitspielen, ist Fior di Latte oft die klügere Wahl – und deutlich günstiger.

Wie lange vorher darf ich die Caprese vorbereiten?
Gar nicht. Anrichten und servieren. Salz und Öl ziehen sofort Flüssigkeit, nach zwanzig Minuten schwimmt der Teller. Vorbereiten kann man nur das Drumherum: Tomaten waschen, Basilikum zupfen, Käse rechtzeitig herausstellen.

Was mache ich im Winter, wenn es keine guten Tomaten gibt?
Ehrlich? Etwas anderes kochen. Und wenn es doch Tomate-Mozzarella sein soll, nimm Burrata statt Mozzarella, damit der Käse die Führung übernimmt, dazu die besten Tomaten, die du bekommst, etwas mehr Salz und ein paar Tropfen gereiften Balsamico. Das ist keine Caprese mehr, aber es ist ein guter Teller.

Muss die Mozzarella wirklich aus dem Kühlschrank heraus?
Ja. Der Schutzverband nennt 18 bis 20 Grad als ideale Serviertemperatur und empfiehlt, sie mindestens eine Stunde vorher herauszunehmen. Wer es eilig hat, legt die ungeöffnete Packung fünf Minuten in 35 bis 40 Grad warmes Wasser.

Probier es einmal so: Tomaten vom Fensterbrett statt aus dem Kühlschrank, den Käse eine Stunde vorher raus, Salz auf die Tomate, gutes Öl, gezupftes Basilikum – und danach die Scarpetta. Ich verspreche dir, dass du deinen Teller danach anders machst. Und wenn du magst, schreib mir, ob deine Version am Ende mit oder ohne Balsamico ausgekommen ist.